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Das Rengay

Das Rengay wurde 1992 von dem US-Amerikaner Gary Gay in Anlehnung an die japanische Renku-Dichtung entwickelt. Gary Gay war seit 1991 Vorsitzender der amerikanischen Haiku-Gesellschaft. Er entwickelte diese neuartige Struktur einer Gemeinschaftsdichtung aus der Enttäuschung heraus, eine Renku-Sitzung selten während einer einzelnen Sitzung abschließen zu können und aus dem Verlangen nach einer einfachen unkomplizierten themenzentrierten Form, die ohne großes Vorwissen verwendet werden kann. „Ren“ bedeutet wie im japanischen Wort Renku „verbunden“, das Suffix „gay“ entstammt Gary Gays Nachnamen. Das englische Wort „gay“ bedeutet gleichzeitig u.a. fröhlich, lebhaft und soll den leichteren Charakter der Dichtung andeuten.

Im Unterschied zum japanischen Renku mit seiner strengen Form und dem nicht leicht zu verstehenden Regelwerk ist das amerikanische Rengay einfach konzipiert. Ein Leiter ist deshalb nicht erforderlich, alle Teilnehmer sind gleichberechtigt. Es besteht aus 6 drei- bzw. zweizeiligen Versen, die wie folgt im Wechsel geschrieben werden:

2 Beteiligte (A + B):

A-3 Zeilen • B-2 Zeilen • A-3 Zeilen • B-3 Zeilen • A-2 Zeilen • B-3 Zeilen

3 Beteiligte (A + B + C):

A-3 Zeilen • B-2 Zeilen • C-3 Zeilen • A-3 Zeilen • B-2 Zeilen • C-3 Zeilen

oder alternativ 3 Beteiligte (A + B + C):

A-3 Zeilen • B-2 Zeilen • C-3 Zeilen • A-2 Zeilen • B-3 Zeilen • C-2 Zeilen

Während im Renku das Durchschreiten eines Jahreslaufes wesentlich ist und dabei von den Teilnehmern ein möglichst weites Spektrum an Welterfahrung abgedeckt werden soll, steht das Rengay normalerweise unter einem Thema, das von vornherein festgelegt wird. Dies kann eine Jahreszeit sein, aber auch andere Inhalte wie Feuer, Wasser, bestimmte Städte oder Situationen sind möglich.

Die Überschrift des Rengay greift meistens ein Wort oder eine Wortkombination aus der abgeschlossenen Dichtung auf. Wie im Renku ist es nicht verkehrt mit Link und Shift voranzugehen, um eine größere Vielfalt an Themen und Sichtweisen zu garantieren. Der Erfinder Gary Gay sieht dies allerdings nicht als unbedingt erforderlich an. Jeder Vers könne sich auch lediglich am vereinbarten Thema orientieren, ohne auf den Vorvers zu achten. Selbst gegen die mehrfache Verwendung von bedeutungstragenden Wörtern spricht seines Erachtens nichts. Aber wie bei anderen Formen der Kettendichtung gilt auch hier: jeder Vers muss für sich alleine stehen und als solcher bestehen können. Ob ein Rengay gelungen ist oder nicht, darüber entscheidet letztlich die Qualität der Verse und ihres Zusammenspiels.

Da das Rengay von vornherein mit nur wenig Regeln versehen wurde, hat es sich in mehrere Richtungen weiterentwickelt und ist im Gegensatz zu seinen traditionellen Vorfahren prädestiniert für weitere Experimente. Beispielsweise entwickelte der holländische Haiku-Autor Max Verhart im Jahr 2000 die Variante des „mystery rengay“: Die Teilnehmer beginnen ohne vereinbartes Thema und lassen sich davon überraschen, welches sich im Verlauf der Dichtung herausschält (das erste mystery rengay von Max Verhart und Betty Kaplan trug passenderweise den Titel: Dracula’s Coffin). Autoren aus unterschiedlichen Ländern schreiben häufig mehrsprachige Rengay. Zu finden sind auch sogenannte Solo-Rengay, die von nur einem Dichter geschrieben wurden.

Insgesamt also eine offene und leicht zu erlernende Form der Gemeinschaftsdichtung, bei der die Freude am gemeinsamen Dichten und Experimentieren im Vordergrund stehen kann.